»Hast du WhatsApp?«

In den letzten Jahren ist mir die Frage gefühlt tausend mal gestellt worden, weil ich beim jeweils anderen nicht automatisch in der WhatsApp-Kontaktliste erschienen bin. Auf ein einfaches “Nein” hin wurde dann fast immer gefragt: “Warum?” - manchmal gefolgt von der Nachfrage, ob ich “in der Zeit zurückgeblieben” wäre.

Nein. Ich bin nicht in der Vergangenheit zurückgeblieben. Ganz im Gegenteil: Wer mich kennt, weiß, dass ich gerne neues ausprobiere und experimentiere. Das war bei WhatsApp nicht anders. Was nur wenige wissen: Als WhatsApp in Deutschland noch weitestgehend unbekannt war und sich in den ersten Großstädten gerade erst etablierte, hatte ich eine Weile lang WhatsApp. Ich war einer der ersten, der damals über die App erreichbar war. Mein damaliger Chef meinte, ich solle das mal ausprobieren. So könnten wir länger in Kontakt bleiben. Damals ist es allerdings bei meinem Chef als Chatpartner geblieben. In meiner Familie hatten nur die wenigsten ein Smartphone. Und noch bevor der WhatsApp-Hype in Deutschland richtig angelaufen war, hatte ich WhatsApp von meinem Smartphone gelöscht. Das war 2012.

Als wenig später erste Datenschutzbedenken von namhaften Hackern und Datenschutzbeauftragten folgten, löschte ich meinen WhatsApp-Account vollständig. Zu dem Zeitpunkt hatte ich meine Freunde und einige Bekannte bereits mit XMPP-Accounts versorgt. Nach Bekanntwerden der stümperhaft implementierten Transportverschlüsselung der App und dem NSA-Skandal wurde ich in meiner Position nur bestärkt: WhatsApp kann weder für Privatsphäre noch für Datenschutz stehen - zwei Grundvoraussetzungen, die nicht erfüllt waren.

Später wurde WhatsApp von Facebook aufgekauft. Und damit war es dann endgültig vorbei. Als (zugegeben stolzer) Facebook-Verweigerer war WhatsApp für mich endgültig gestorben.

Was mich an WhatsApp stört

Ich will in diesem Beitrag erklären, wieso ich von WhatsApp nicht viel halte. Nicht, um andere bloßzustellen, zu beleidigen, oder um mich für etwas besseres zu halten. Ich habe bestimmte Überzeugungen, die nicht mit der Nutzung der Messaging-App vereinbar sind. Deshalb nutze ich sie nicht. Nicht, weil ich generell ständig “gegen den Strom schwimmen” will oder irgendeiner Art jugendlicher Rebellion wegen. Ich habe ernste Gründe, und versuche, diese sachlich zu vermitteln. Bitte respektiert meine Meinung dazu. Ebenso respektiere ich die Haltung aller WhatsApp Nutzer; auch wenn ich ihre Meinung nicht teile. In manchen Punkten kann ich sogar nachvollziehen, wieso man die App nutzt.

WhatsApp ist eine “Black Box”

WhatsApp ist sogenannte “Closed Source Software”. Das bedeutet, dass der Programmcode nur mit extremen Aufwand aus der App rekonstruierbar und nicht öffentlich einsehbar ist. Die meisten unserer Programme funktionieren so: Der Hersteller behält den Programmcode (Quellcode) bei sich. Er ist für den Kunden meist uninteressant. Nur das fertig “übersetzte”, lauffähige Programm wird an den Kunden ausgeliefert. Das prominenteste Beispiel ist Microsoft Windows: Das Betriebssystem läuft auf unzähligen Rechnern, ohne, dass jemand außerhalb von Microsoft jemals den ursprünglichen Programmcode dazu gesehen hat. Unternehmen veröffentlichen den Quellcode ihrer Programme ungern, weil die Konkurrenz den Quellcode kopieren und in Rekordzeit ein Konkurrenzprodukt veröffentlichen könnte, ohne auch nur einen Cent für die Entwicklung ausgeben zu müssen. Es ist legitim und berechtigte Praxis, den Quellcode geheim zu halten, um mit einem Programm z.B. Geschäfte machen zu können.

Problematisch wird es allerdings, wenn wir einer Closed Source -Anwendung unsere Geheimnisse und sehr persönliches anvertrauen. Nichts anderes geschieht, wenn wir mit unserer Familie, unseren Freunden und Bekannten oder unserer Partnerin oder unserem Partner chatten und telefonieren. Wir reden über die persönlichsten Dinge, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Wieso auch? Da sind ja nur wir und unsere Chatpartner, oder? …

Schön wäre es. Leider sieht die Realität anders aus:

  1. WhatsApp analysiert Nutzungsverhalten, Nutzer und Umgebung sehr genau. Das ist nicht geraten - das ist nachgewiesen und folgt logisch aus dem Geschäftsmodell.
  2. WhatsApp analysiert vermutlich nicht Gesprächsinhalte. Aber wissen wir das sicher? Wie können wir das kontrollieren? Wer beaufsichtigt das?

Wir haben keine Möglichkeit, mit bestimmter Sicherheit sagen zu können, wie die App funktioniert und wie sie sich unter bestimmten Verhältnissen oder in Zukunft verhält. Sie funktioniert einfach nur, ohne Untersuchungen von außen zuzulassen. Unsere Gespräche und Metadaten werden auf WhatsApp-Servern gespeichert, ohne dass öffentlich wird, wie die Daten verarbeitet werden, welche Informationen nur temporär zwischengespeichert werden, oder welche Informationen dauerhaft mit Nutzerprofilen verknüpft werden.

Oft werden die Möglichkeiten, die aus umfangreichen Nutzerprotokollierungen hervorgehen, vom Laien stark unterschätzt. Mittels moderner Algorithmen, der Anwendung von “Big Data”-Praktiken und Machine Learning kann mehr über einen Nutzer herausgefunden werden, als die meisten ahnen. Selbst psychische Analysen und Kategorisierungen sind kein Hexenwerk mehr, sondern mittlerweile gängige Praxis. Dabei können Ergebnisse erzielt werden, die ein Unternehmen in einigen Punkten sogar mehr wissen lassen, als den eigenen Partner.

Ich sage nicht, dass WhatsApp jeden einzelnen rundum totalüberwacht. Dafür habe ich keine Beweise. Sicher ist aber, dass WhatsApp seine Nutzer genau analysiert, um die gewonnenen Daten zu analysieren und zu vermarkten. (Dazu später mehr). Wie das passiert, und was protokolliert wird, ist schwierig bis unmöglich herauszufinden (und kann sich ständig ändern). Wir haben als Nutzer keine Möglichkeit, WhatsApp in irgendeiner Art und Weise angemessen zu überprüfen. Wir haben nur die Wahl zwischen “Dem Internetriesen Facebook komplett vertrauen” und “WhatsApp nicht nutzen”. Ich habe mich für letzteres entschieden.

Das Geschäftsmodell von WhatsApp ist zweifelhaft

Wie schon angedeutet, macht WhatsApp seinen Gewinn nicht mit einem Abo- oder Kauf-Modell, sondern (inzwischen) einzig und allein mit der Verwertung von Nutzerdaten. WhatsApp kann man nicht kaufen. Man kann für die Leistung nicht mit Geld zahlen - man muss letztendlich mit persönlichen Informationen dafür zahlen. Etwas anderes bleibt einem nicht übrig. Wenn man sich jetzt ins Gedächtnis ruft, wie viele Millionen Menschen die App nutzen, und welche starke Infrastruktur dahinter stehen muss, wird klar, dass die Betriebskosten alles andere als günstig sein dürften. Der Informationshunger des Unternehmens ist (genauso wie die des Tochterunternehmens) folglich gigantisch. Informationen über den Nutzer sind die Geschäftsgrundlage.

Eine Umstellung auf ein Datenschutz-freundliches Geschäftsmodell wäre so einfach nicht möglich. Dazu müsste man dem Kunden kostenpflichtige Abonnements schmackhaft machen. Eine kritische Masse an zahlenden Nutzern müsste erreicht werden, um das System am Laufen zu halten. Leider ist heutzutage fast niemand bereit, im Internet für Dienstleistungen zu zahlen.

Folglich rührt der Erfolg von WhatsApp zu einem großen Teil daher, dass es kostenlos ist. Wäre WhatsApp kostenpflichtig, wäre es bei weitem nicht so verbreitet. Es ist (vor allem für jüngere Menschen) sehr angenehm, für eine Dienstleistung nicht zahlen zu müssen. Genauso verständlich ist es, wenn ein Unternehmen kostenlose Dienste anbietet. Allerdings sollte dem ganzen meiner Meinung nach ein vernünftiges Geschäftsmodell zugrunde liegen, das kostenlose Dienstleistungen nur als “Extra” vorsieht, und dessen Kerngeschäft durch traditionelle Bezahlung durch den Nutzer abgesichert ist. Alles kostenlos ohne Gegenleistung? Das traue ich einem Internetriesen wie Facebook nicht zu.

WhatsApp ist kein öffentlich erarbeiteter Standard, sondern ein Insel-System

Ein weiterer problematischer Punkt liegt darin, dass WhatsApp kein standardisiertes, offengelegtes Protokoll zum Nachrichtenaustausch verwendet. Das bedeutet: Wie der Nachrichtenaustausch auf technischer Ebene funktioniert, ist ebenso wie der Programmcode geheim. Damit wird ausgeschlossen, dass fremde Entwickler eigene Software programmieren, die mit WhatsApp kompatibel ist. Es ist zwar bekannt, dass WhatsApp auf dem XMPP-Standard aufbaut, jedoch haben die WhatsApp Entwickler das frei einsehbare XMPP-Protokoll so abgewandelt und erweitert, dass es nicht zusammen mit herkömmlicher XMPP-Software genutzt werden kann. Das XMPP-Protokoll sieht eine dezentrale Serverstruktur vor - WhatsApp nutzt das Protokoll gegenteilig für seine Insel-Infrastruktur. Eine Kommunikation mit fremden Servern ist bei WhatsApp nicht vorgesehen und wegen der zentralisierten Infrastruktur auch nicht möglich.

Während öffentliche Standards wie XMPP dafür sorgen, dass verschiedenste Teilnehmer über ein gemeinsames Protokoll dezentral und innerhalb einer multikulturellen Softwarelandschaft unabhängig voneinander kommunizieren können, geht WhatsApp mit seiner zentralisierten, proprietären Architektur den gegenteiligen Weg.

Sollten wir nicht lieber gemeinschaftliche, freie Internet-Standards stärken, statt geschlossene Inselsysteme zu pflegen? Angesichts der zunehmenden Zentralisierung des Internets mache ich mir Sorgen, dass sich immer mehr Menschen von wenigen großen Anbietern komplett abhängig machen. Das widerspricht dem Wesen des Internets: Das Internet ist ein weltweit dezentral organisiertes Netzwerk, in welchem alle Teilnehmer Dienste anbieten oder nutzen können. Wieso führen wir dieses Prinzip ad absurdum, indem wir uns von genau einem Internetkonzern abhängig machen?

Die Pflege von Monokulturen war noch nie eine gute Idee. Wir sollten uns um Vielfalt und eine dezentrale, unabhängige Organisation unserer digitalen Kommunikation bemühen. Die Technik und Standards sind da - sie müssen nur zugänglich gemacht und genutzt werden.

Zusammenfassung

Zu viele Menschen verlassen sich heute auf ein einziges Unternehmen, welches einem Internetgiganten gehört, der seinen Gewinn einzig und allein aus der Verwertung von Nutzerinformationen generiert. Das zugrunde liegende System ist undurchsichtig und kann von außen nicht mitgestaltet, überprüft, oder mitgenutzt werden. Jeder einzelne Nutzer vertraut sich komplett diesem Unternehmen an - mit all seinen privaten Gesprächen und Metadaten. Was mit den Daten geschieht, und ob sie im Katastrophenfall nicht doch unethisch genutzt werden, ist nicht sicher.

Wir haben Alternativen zu WhatsApp, die eine transparente, sichere und unabhängige Kommunikation schon heute zulassen. Ich sehe nicht ein, wieso ich unter all der Intransparenz einem Unternehmen mein volles Vertrauen und Informationen über mich schenken soll, wenn ich dasselbe Ziel (Kommunikation mit meinen Freunden) z.B. via XMPP unter wesentlich günstigeren Bedingungen erreichen kann. Um das noch einmal zu verdeutlichen:

Einige Nutzer mögen sich gedacht haben: “Wieso soll ich bei Threema für etwas zahlen, das ich bei WhatsApp kostenlos bekommen kann?” - Bei mir ist es ganz ähnlich. Meine Leitfrage ist:

“Wieso soll ich ungünstige Bedingungen bei WhatsApp hinnehmen, wenn ich doch Alternativen habe, mit denen ich guten Gewissens das gleiche Ziel erreichen kann?”


Ich hoffe, mit diesem Beitrag ein wenig Klarheit darüber geschaffen zu haben, wieso für mich die Nutzung von WhatsApp nicht infrage kommt. Wie Anfangs schon erklärt: Ich will damit nicht mit erhobenem Zeigefinger belehren oder in irgendeiner Art und Weise aggressiv bekehren und “missionieren”. Ich habe für mich beschlossen, WhatsApp aus den genannten Gründen nicht zu unterstützen. Was jeder einzelne von uns nutzt, bleibt ihm überlassen. Aber vielleicht konnte ich ja den ein oder anderen dazu anregen, sich Gedanken zu dem Thema zu machen.